Räuchermischungen

Sie kommen mit verführerisch-fantasievollen Namen daher, locken als „Bomb Marley“, „Unicorn magic dust“ oder „Jamaican gold extreme“, oder einfach als „Legal hash“. Verpackt in bunten Tütchen werden sie seit einigen Jahren mit geschickten Marketingstrategien über das Internet verkauft:

Kräuter- bzw. Räuchermischungen enthalten in der Regel getrocknete Pflanzenteile. Bekanntester Vertreter ist „Spice“, das 2008 für Aufsehen gesorgt hat. Die aufwendig gestalteten Tütchen enthielten frei verkäufliche getrocknete Kräuter, die damaligen Berichten zufolge Cannabis-ähnliche Wirkungen erzeugt haben sollen. Im Rahmen von Laboranalysen konnte jedoch festgestellt werden, dass die Kräuter lediglich Trägersubstanzen waren, die mit neuen synthetischen Cannabinoide versetzt waren.

Natürlichen Cannabinoide (Haschisch, Marihuana) sind im Betäubungsmittelgesetz verzeichnet und somit illegal. Anders verhält es sich mit dem Stoff aus der Synthese, der ist legal. Die Verkäufer beschreiben die Wirkung wie die von sehr starkem Marihuana oder Haschisch. Wer schon einmal „sehr starkes“ Hasch geraucht hat, der weiß, dass das mitunter nicht spaßig ist. Doch die Beschreibung des Anbieters ist eine Untertreibung. Der künstliche Rauch ist weitaus stärker als herkömmliches Haschisch und hat zudem ganz andere Wirkungen, die man nicht einschätzen kann. Selbst langjährige und erfahrene Kiffer (= Haschraucher) warnen vor Psychosen und Nebenwirkungen wie Herzrasen, Übelkeit, Panikattacken . Weitere dokumentierte Nebenwirkungen sind: Krampfanfälle, Kaliummangel, hoher Blutdruck, heftiges und lang andauerndes Erbrechen, krankhafte Unruhe, gewalttätiges Verhalten und Koma. Es geschieht immer wieder, dass junge Männer (meistens sind es Männer) naiv und unerfahren glauben, dass sie einen „ganz normalen“ Joint rauchen (von dem wir natürlich genauso abraten!) und keinen blassen Schimmer von irgendwelchen synthetischen Stoffen haben. Die große Gefahr dabei ist, dass dass sie eine massive Psychose bekommen, die das ganze Leben schlagartig verändert. Psychosen von solchen Substanzen werden mir umstrittenen Psychopharmaka behandelt, die ebenso süchtig machen können. Hier wird der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben. Ein Teufelskreis beginnt, aus dem die jungen Menschen meistens nicht mehr herausfinden.

Aus der „Augsburger Allgemeine“ vom 07.09.2014:

Dillingen. Eine Mutter ruft aufgeregt bei der Polizei an. Im Zimmer ihres Sohnes liegen zwei junge Männer. Bewusstlos, völlig weggetreten. Sie sind nicht ansprechbar. Sie weiß nicht, was sie tun soll. Im Krankenhaus stellt sich später heraus, dass die Jugendlichen Kräutermischungen geraucht hatten. Sie mussten ambulant behandelt werden…“

Ein Ärzteteam berichtet in der Fachzeitschrift The New England Journal of Medicine:

„Zwischen dem 21. August und dem 19. September 2013 mussten 263 meist junge Männer in zwei Kliniken der Region Denver wegen teils starker Vergiftungserscheinungen notfallmedizinisch behandelt werden. Die Symptome waren ein zunächst extrem erhöhter und anschließend verlangsamter Herzschlag, begleitet von starken Bewusstseinsstörungen. Einige erlitten Krampfanfälle. Die meisten Personen konnten ambulant behandelt werden. Sieben Personen mussten jedoch intensivmedizinisch betreut und künstlich beatmet werden. Der Grund war vermutlich ein neues synthetisches Cannabinoid. (…) Der Stoff klingt gefährlich und ist es wohl auch. Black Mamba ist wie Spice eine Kräutermischung, die nur als Trägersubstanz für synthetische Cannabinoide dient. 

Ein Erfahrungsbericht:

…ich habe über 10 Jahre Erfahrungen mit Drogen, seit 2 Jahren beschäftige ich mich mit Räuchermischungen. Bis vor einem halben Jahr habe ich das Zeug täglich geraucht, bis mein Verbrauch weit über einem Päckchen am Tag lag. (…) Jetzt habe ich eine Psychose, die sich in extrem aggressiven Phasen äußert. Obwohl ich vom Wesen her sehr entspannt bin, denke ich fast durchgehend an Mord und Totschlag. So etwas habe ich immer für ausgeschlossen gehalten. (…) Das Schlimme ist, dass eine psychische Störung sich auch wie in meinem Fall langsam entwickeln kann und man es erst merkt, wenn man wieder „clean“ ist. (…) Ich bin zwar in Behandlung, aber mein Leben, wie es war, ist vorbei!“ (aus „forum.suchtmittel.de“- Erfahrungsberichte/Gefährliche Räuchermischungen).

Und hier ein Ausschnitt aus einem weiteren Bericht:

Ich zündete mir die Rakete an (gemeint ist ein Joint mit Räucherwerk) und zog ein paarmal daran und schon knallte es binnen einer Minute oder so. Und zwar richtig heftig! Ich versuche nun ein Gefühl zu beschreiben, nachdem ich dachte, dass ich sterbe, wenn ich nichts an meiner derzeitigen Haltung vornehme und einfach so sitzenbleibe. Also legte ich mich hin. Es fühlte sich so an, als ob ich einzelne Organe in mir wahrnehme und sie langsam absterben. Wenn ich mich bewegte, wurde es noch schlimmer und intensiver. So nach 2-3 Stunden hatte ich mich dann wieder beruhigt… (ebenda).

Philip, ein junger Mann, der mittlerweile clean lebt, berichtet von seinen Erlebnissen mit Kräutermischungen:

Wenn man diese künstliche Hasch raucht, dann wirkt das etwa eine Stunde lang, dafür wirkt es zehnmal stärker als das natürliche Marihuana und ebenso waren auch die Nebenwirkungen entsprechend krasser. Der Geschmack war fast immer widerlich! Es schmeckte wie vergiftend und sehr chemisch. Es hat immer sofort gewirkt, gleich nach dem ersten Zug. Ich hatte dann oft das Gefühl, von innen heraus zu vergiften. Dabei überkam mich Panik und ich musste mich auch schon übergeben bei einem Kumpel in seinem Zimmer. Ich spuckte direkt in die Hand hinein. Ein guter Bekannter von mir sagte, nachdem wir zusammen einen Joint mit dieser Mischung geraucht hatten, dass es das Krasseste war, was er je erlebt hat, das war aber in Verbindung mit anderen Substanzen, in dem Fall Hustenstiller, die ähnlich wie LSD und Ecstasy wirken.

Meine Wahrnehmung war immer irgendwie verzerrt. Entweder war ich größer als die Umgebung oder umgekehrt. Oft habe ich mir gewünscht, dass der Rausch aufhört, doch man ist dem Ganzen hoffnungslos bis zum Ende ausgesetzt. Man kann diese Kräuter- oder Räuchermischungen sehr schlecht dosieren, also nimmt man immer eine Überdosis in Kauf. Ich bin froh, dass ich diesen Dreck nun nicht mehr rauche.“

Matthias, ein jungen Gast bei der Christlichen Drogenarbeit, erzählte folgendes:

…diese Kräutermischungen haben mit Hasch nicht viel zu tun. Ein, zwei Züge davon reichen, aber weil man ja so gierig ist, zieht man den Joint komplett durch und dann kann es passieren, dass du ganz übel draufkommst (…) einmal saß ich im Abgang zur U-Bahn eineinhalb Stunden auf der Treppe, ich konnte nicht mehr denken und mich nicht mehr bewegen, ich dachte nur, dass ich das nicht überlebe (…) Wenn du süchtig bist und somit gierig auf den Rausch, dann schießt du alle gut gemeinten Ratschläge in den Wind. Du weißt genau, dass zwei Züge reichen – und trotzdem ziehst du zehnmal.“

Natürlich variieren die Erfahrungen sehr stark und es mag sein, dass es mitunter angenehme Wirkungen hervorrufen kann wie Zufriedenheit, Entspannung oder ein wohliges wärmendes Grundgefühl. Doch die Tatsache, dass es bereits ein sehr großes Angebot von verschiedenen Räuchermischungen gibt, unterstreicht die Unvorhersehbarkeit der Wirkungen. Einige der unter dem Begriff Legal High in Kräuter- bzw. Räuchermischungen vermarkteten Wirkstoffe sind inzwischen unter das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) gestellt worden. Kreative Chemiker entwickeln allerdings ständig neue Substanzen und nutzen den Umstand, dass nur solche Substanzen dem BtMG unterstellt sind, die darin ausdrücklich genannt werden. Die Zeit, die das BKA benötigt, um einen neuen Stoff zu prüfen und einen Verbotsantrag zu stellen, nutzen skrupellose Händler, denen der Gesundheitszustand ihrer Kunden egal ist, um ihre Ware weiter an den Mann/Frau  zu bringen. Es geht, wie so oft um Geld – um sehr, sehr viel Geld.

Erschreckend und traurig zugleich: Solange viele Kräuter- und Räuchermischungen immer noch legal sind und somit einem größeren Kundenkreis zugänglich, als nur den Randgruppen, wird die Hemmschwelle durch die Illusion der Harmlosigkeit und der Legalität weiter herabgesetzt, glauben viele, dass die Legal Highs kontrolliert hergestellt werden, und darum weniger schlimm sind. Das Gegenteil ist der Fall: die als Legal Highs vermarkteten Räucher- bzw. Kräutermischúngen wirken wesentlich zerstörerischer als ihre illegalen Vorbilder Haschisch und Marihuana. WACHT ENDLICH AUF! Lasst euch nicht für dumm verkaufen! Das Leben ist, wie es ist. Der Rausch ist IMMER eine Lüge und nichts wert. 

Mit freundlicher Genehmigung nach  „Der Tod kommt mit der Post – Legal Highs und andere Modedrogen, Markus Finkel, 01. Auflage, München 2015  

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