Pasquale

Pasquale hält es nicht mehr aus. Sein gesamter Körper steht unter Spannung. Er glaubt, gleich durchzudrehen. Schon seit Monaten kann er nur noch auf Droge einschlafen. Aber er hat keine Drogen mehr und wo soll er jetzt – mitten in der Nacht – welche herbekommen? Pasquale fühlt sich im Stich gelassen. Er schreit: „Jesus, rette mich!“ Dann schläft er ein.

 

Einfach nur dazugehören

 

Pasquale wächst in München auf. Er ist Sohn von Einwanderern: sein Vater ist Grieche, seine Mutter kommt aus Sizilien. In der Nachkriegszeit sind sie nach Deutschland gekommen. Seine Eltern arbeiten viel und hart. Wenn Pasquale aus der Schule nach Hause kommt, ist niemand da. In seinem Viertel spielt er mit den Kindern anderer Migranten. Er hätte auch gerne mit deutschen Kindern gespielt, aber ihre Eltern möchten das nicht. „Ich habe mich nicht erwünscht gefühlt“, erinnert sich Pasquale. „Ich habe in ‚das Deutsche‘ wohl nicht reingepasst.“

In der Schule ist Pasquale eher teilnahmslos – bis ein Klassenkamerad ihm einen Graffiti-Entwurf zeigt. Pasquale lässt sich von seiner Begeisterung anstecken. Der Trend aus New York ist gerade nach München gekommen. Eine neue Jugendkultur entsteht und Pasquale möchte dabei sein, dazugehören, mitgestalten.

 

Angekommen und angenommen

 

 

 

 

Bild: Privat

 

 

 

 

Einer der besten Sprüher der Graffiti-Szene in München nimmt Pasquale unter seine Fittiche. In der Szene gibt es eine klare Hierarchie und Regeln: Die Anfänger probieren sich an „ihrer“ Wand aus, die Profis sprühen an „ihrer“ Wand. Und um zu den Profis gehören zu können, muss man von den besten Sprühern in ihren Kreis aufgenommen werden. Wer aufmuckt, wird verprügelt. Pasquale kann als Schützling der Gruppe die Anfängerwand überspringen. Mit 16 Jahren ist er im inneren Kreis angekommen und angenommen.

Sein ganzes Leben konzentriert sich auf seine Sprayer-Freunde: Sie feiern zusammen, sie sprayen zusammen. In Nacht-und-Nebel-Aktionen besprühen sie vollgepumpt mit Adrenalin Gebäude und S-Bahnen. „Man hat sich natürlich vorher eine Skizze gemacht. Aber weil es beim Sprühen dunkel ist, ist jedes Bild eine Überraschung.“ Am nächsten Tag geht Pasquale noch einmal zu seinem Bild, um es selbst zu betrachten. Dann beobachtet er, wie andere sein Kunstwerk wahrnehmen. Gesehen werden – das ist das eigentliche Ziel der Szene.

 

Keine Drogen, keine Freunde?

 

Auch beim Feiern suchen sich die Sprayer ihren Kick. An einem Abend, während Pasquale und zwei Kumpels gewohnheitsmäßig kiffen, rauchen die anderen zum ersten Mal Heroin. Pasquale beobachtet sie. „Der Fernseher lief und sie haben nicht mehr miteinander gesprochen. Jeder war in seiner eigenen Welt und einfach nur mit sich selbst beschäftigt.“ Pasquale ist entsetzt. Mit harten Drogen will er nichts zu tun haben.

Es dauert aber nicht lange, bis sein gesamter Freundeskreis Heroin nimmt. Pasquale sieht für sie keinen Ausweg mehr: Sie werden früher oder später an den Drogen kaputtgehen. Das mit anzusehen, tut Pasquale weh. Aber was kann er schon dagegen tun? Das Einzige, was er in der Hand hat, ist: Selbst auf harte Drogen zu verzichten.

 

Ein Ausweg?

 

 

 

 

Pasquales Graffiti „Don’t lose ya brain“.
Bild: Privat

 

 

 

 

Die Abwärtsspirale hat trotzdem auch schon in seinem Leben ihren Lauf genommen. Pasquale ist abhängig von Haschisch. Immer seltener geht er zur Arbeit. Er schafft seine Berufsausbildung zum Elektroinstallateur gerade noch so, wird aber am nächsten Tag vor die Tür gesetzt. Halt findet er in seinem Freundeskreis nicht mehr. Man lügt, betrügt und klaut. Pasquales innerer Schmerz zeigt sich an seinen Bildern: Seine Graffitis werden immer dunkler, verzerrter.

Dann trifft Pasquale zufällig auf einen ehemaligen Kumpel aus der Sprüher-Szene. Sie haben sich länger nicht gesehen. Sein Kumpel, ein Türke, erzählt Pasquale von Jesus. Pasquale ist katholisch erzogen und mit dem christlichen Glauben vertraut. Dass ein Türke, der früher Muslim war, begeistert über Jesus spricht, passt nicht in Pasquales Weltbild. Er löchert seinen Kumpel mit Fragen. „Jesus kann Leben verändern“, sagt ihm der Kumpel. Dieser Satz hallt in Pasquales Kopf nach. Deswegen schreit er zu Jesus, als er keinen anderen Ausweg mehr sieht.

„Jesus kann Leben verändern“, sagt ihm der Kumpel. Dieser Satz hallt in Pasquales Kopf nach.

 

 

Als Pasquale am nächsten Morgen aufwacht, hat er kein Verlangen mehr nach Drogen. Einfach so. Gut geht es Pasquale trotzdem nicht. Ein Strafverfahren wegen Sachbeschädigung und einem Raubüberfall wird gegen ihn eingeleitet. Er ist auf dem Weg zum Gericht, als er dem Kumpel wieder begegnet. Pasquale vertraut ihm alles an – wie enttäuscht er von seinen Freunden ist, wie die Drogen ihn kontrolliert haben und dass er beruflich keine Perspektive sieht. „Jesus kann dir helfen“, ermutigt ihn der Kumpel.

Pasquales Neugier ist endgültig geweckt. Er begleitet seinen Kumpel zu einem Treffen, bei dem über die Bibel gesprochen wird. Dort sitzen ein Ex-Alkoholiker, ein Ex-Junkie und ein Ex-Nazi. Alle haben ihre Vergangenheit hinter sich gelassen. Mit Jesus scheint ein wirklicher Neuanfang möglich zu sein, denkt sich Pasquale. Also lässt er sich auf das Experiment ein. Und er lernt, dass es nicht darum geht, was andere von ihm halten. Gott möchte ihm helfen und es ist in Ordnung, schwach zu sein und diese Hilfe in Anspruch zu nehmen – ganz egal, wie andere darauf reagieren.

Mit Jesus scheint ein wirklicher Neuanfang möglich zu sein, denkt sich Pasquale. Also lässt er sich auf das Experiment ein. Und er lernt, dass es nicht darum geht, was andere von ihm halten. 

 

ERF.de

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