Kindertage

An meine Großväter, den Lehrer Franz Wolf, mütterlicher – , und den Schmiedemeister Josef Wittrock, väterlicherseits habe ich keine bewussten Erinnerungen. Opa Franz starb an Blutkrebs im September 1954, Opa Josef an Magenkrebs im September 1955. Dem Umstand, dass beide bereits von der tödlichen Krankheit gezeichnet waren, als Mutter mich am 16. Januar 1954 in einer stürmischen Winternacht in der Geburtsstation des Marienkrankenhauses im emsländischen Papenburg zur Welt brachte, verdanke ich meinen Namen Franz-Josef. Mama wollte beiden damit eine Freude machen.

Am 18. Oktober 1955 wurde mein Bruder Benno, der eigentlich wie unser Vater Bernhard heißt, geboren. Etwa zu dem Zeitpunkt setzt mein Erinnerungsvermögen ein. Unermüdlich trainierte ich seinen Sprachschatz, wenn abends im Kinderzimmer eigentlich Ruhe herrschen sollte. „Benno, sach mal wau wau!“ „Wau wau.“ „Benno, sach mal Tatze!“ „Katze“. Meinem schulmeisterlichen Ehrgeiz tat mein Sprachfehler keinen Abbruch. Bis in die ersten Schuljahre hinein konnte ich kein „G“ und „K“ aussprechen. Auch in anderen Bereichen war ich ein „Spätzünder“: Sich selbst die Schuhe zu binden, einen Ballon aufblasen, Radfahren, Schwimmen und vieles mehr lernte Benno trotz der 641 Tage, die ich ihm voraus hatte, eher als ich.

Geweckt wurden wir allmorgendlich vom Geläut aus dem 88 Meter hohen Turm der katholischen Pfarrkirche St. Antonius, in das, kaum dass die ersten Schläge verklungen, die Glocke aus dem 39-Meter-Turm der evangelisch- lutherischen Nikolaikirche einsetzte. Ich liebte es, noch ein paar Minuten im Federbett eingekuschelt in die Geräuschkulisse des erwachenden Tages einzutauchen, ins Getrappel der Pferde auf dem Kopfsteinpflaster, ins Tuten der Schiffssirenen vom Hafen, ins Rattern der Züge von der nahen Bahnstrecke, ins Zwitschern, Zirpen, Trillern, Schreien, Schilpen, Flöten, Piepsen, Krächzen, Krähen und Gurren der damals noch weitgehend intakten Vogelwelt.

Im rückwärtigen Teil unserer sich über eine kleinen Eisenwarenhandlung nebst Schmiede hinstreckenden Wohnung mit Fensterblick auf Hof, Gärten, Obstwiesen und Weideland hantierte Mama in der Küche, bereitete das Frühstück mit warmen Kakao für uns Jungs und Kaffee für Papa, der sich im Bad rasierte. Im vorderen Teil mit Blick auf den Hauptkanal pfiff Oma Sinis Teekessel. Papas Schäferhund warf sich ungestüm gegen die Tür seines Zwingers und begrüßte mit lautem Gebell den mit dem Rad aus dem ostfriesischen Steenfelde eintreffenden Heini Wöhl. Onkel Heini, der noch beim Urgroßvater das Schmiedehandwerk gelernt hatte, stand treu zur Firma und hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass trotz Krankheit und Tod Opa Josefs der Schmiede- und Schlosserei-Betrieb fortgeführt werden konnte. Während er das Schmiedefeuer entfachte, rauchte Papa, von allen nur „Chef“ genannt, seine erste Zigarette und verteilte, gekleidet in einen grauen Kittel, Aufträge und erste Instruktionen an die nach und nach eintrudelnde restliche Belegschaft, die damals, im letzten Drittel der 50er Jahre, aus kaum mehr als einer Handvoll Leuten bestand..

Mama packte eine Stulle in meine Umhängetasche, kontrollierte Schuhe und Fingernägel, versuchte mit zwei Haarspangen Ordnung in meine wilden Locken zu bringen und mahnte zur Eile, weil jeden Moment Schwester Theatildis im schwarz-weißen Habit der Thuiner Franziskanerinnen vorbeikommen würde. Begleitet von einem „Fräulein“ und einer Schar von Kindern aus Papenburg-Untenende im Schlepptau wanderte sie jeden Morgen vom Schwestern-Wohnheim am Papenburger Krankenhaus den Hauptkanal entlang zum katholischen Kindergarten in der Kolping -Straße. Direkt vor unserem Haus konnte ich mich diesem Zug anschließen, der mit jedem weiteren Kind immer länger wurde. Sobald Benno nicht mehr in die Hosen machte, durfte er ebenfalls mit. Da Mama uns in der Regel gleich einkleidete – sie verstand sich darauf, wundervolle Pullover, Mützen, Schals und Jacken aus Wolle zu fertigen -, waren wir schon von weitem als Geschwisterpaar zu erkennen.

Während ich mich im Kindergarten gerne alleine beschäftigte und zu den anderen Kindern keinen Anschluss fand, stieß Benno schnell zu den sogenannten „Rabauken“, einer kleinen Gruppe von Jungs, die durch rüpelhaftes Verhalten auffielen und mit „dreckigen“ Wörtern. Zu ihren derben Späßen gehörte, anderen Kindern – vorzugsweise Mädchen – ein Bein zu stellen um sie strumpeln zu lassen. Die Quittung dafür gab es am Nikolaustag: Der ehrwürdige Mann mit rotem Mantel, weißem Bart und Bischofsmütze nahm das goldene Buch zur Hand, in dem das Betragen der Kinder verzeichnet war, und Benno bekam anstelle eines Tellers mit Süßem öffentlich die Leviten gelesen.

Im Gedächtnis geblieben ist mir auch, wie ich gebannt den Ausführungen der Nonne zum Thema Ewigkeit gelauscht habe. „Ewigkeit“, erklärte sie, „ist wie ein riesiger Berg, der einmal im Jahr von einem kleinen Vogel besucht wird. Dabei wetzt er seinen winzigen Schnabel am Fels, und wenn der Berg abgetragen ist, ist eine Sekunde der Ewigkeit vorbei.“ Mein jetzt vierjähriger Bruder, mit dem ich dieses Problem auf dem Heimweg vom Kindergarten weiter erörtern wollte, zeigte sich weniger beeindruckt. „So alt wird kein Vogel“, meinte er nur. Was  den Tod von Tieren anbelangte, darüber machte er sich keine Illusionen, verging doch kaum kein Tag, an dem er nicht vor einem Frosch- Kadaver, einer kleinen toten Maus oder sonst etwas stehenblieb, um sie eingehend zu inspizieren.

„Tomm, Benno, tomm!“  musste ich ihn dann ermahnen, nicht zu bummeln, Überall entdeckte er etwas: ein Vogelnest in einer Hecke, einen Tausendfüssler auf einem Stein in einer Pfütze auf dem Bürgersteig, eine Schnecke, die, ihr Häuschen huckepack tragend, gleich uns die von der Nonne gewählte Abkürzung um die Hausecke von Zahnarzt Manning in den Lüttmannsweg hinein nahm ….  

Benno war anders. Begriffen habe ich dies zum ersten Mal Weihnachten 1957. Er hatte ein Dreirad vom „Christkind“ bekommen. Doch am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages waren sowohl Benno als auch das Dreirad verschwunden. Kirchgänger, die die Frühmesse in der Antonius-Kirche besuchen wollten, entdeckten ihn hunderte von Metern von unserem Haus entfernt im Schlafanzug auf seinem Dreirad, fröhlich den eisigen Temperaturen trotzend. Allein schon das Dreirad die Treppe von der Wohnung zur Haustür herunter zu tragen, musste für den kleinen Kerl eine große Herausforderung dargestellt haben. Im darauffolgenden Frühjahr schreckte Mama auf einmal beim Wäsche aufhängen auf. Wieder einmal war Benno weg. Nach bangen Minuten fanden Mama und ich ihn bis zum Hals im fauligen Schlamm des Bewässerungsgrabens steckend, der unsere Obst- Wiese von der anschließenden Kuhweide trennte. Ein anderes Mal habe ich ihn aus einem Fass mit vom Regenwasser aufgeweichtem, klebrigem Teer befreit, das ohne Deckel neben manch anderem Gerümpel vor dem Holzschuppen am Ende unseres Hofes stand, indem ich das gesamte Fass mitsamt Inhalt und Bruder umkippte. Wie er dort überhaupt hineinfallen konnte, weiß ich nicht mehr, wohl aber, dass Mama, beide Omas  und ein Hausmädchen, das Mama, die sich immer mehr in die Leitung der Firma einarbeitete, im Haushalt unterstützen sollte, vor erheblichen Problemen standen, ihn wieder sauber zu bekommen.

Benno der Buhmann und ich der Brave, so war es natürlich nicht. Einmal schenkte uns Onkel Hermann aus Emsbüren eine feine Tafel Schokolade mit dem Hinweis, sie brüderlich zu teilen. Das habe ich gerne gemacht. In meinem Heißhunger auf Süßes schlang ich meine Hälfte sofort herunter, während Benno das Bauen mit Bauklötzen zunächst wichtiger schien. Als auch er zugreifen wollte, erinnerte ich ihn daran, dass der Onkel uns zum Teilen aufgefordert hatte, und nahm mir auch noch die die Hälfte von seiner Hälfte. Auch die habe ich schnell verschlungen,  während Benno lediglich zwei, drei Stücke aß und den Rest wieder auf die Seite legte. Als er ein zweites Mal zugreifen wollte, erinnerte ich ihn noch einmal daran, was der Onkel gesagt hatte, und so wurde auch die restliche Schokolade „brüderlich“ aufgeteilt.

Gerechterweise bekam auch ich umgehend die Quittung: Meine Kusine Margret, einige Monate älter als ich, warf einige  Bauklötze hinter den Ölofen in Omas Wohnzimmer, als Trotzreaktion, dass es zurück nach Emsbüren gehen sollte. Empört über diesen Affront wollte ich mir die Klötze wiederholen, geriet aber mit der Backe an das heiße Ofenrohr. Der dann aufflammende Schmerz hat sich in meine Erinnerung gebrannt, obwohl lediglich eine kleine Narbe dicht unter dem Ohr zurückblieb.  So lernte der Enkel des Schmieds seine erste Lektion vom Wesen des Feuers. 

 

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