Led Zeppelin – STAIRWAY TO HEAVEN

Gepostet von Joe Wittrock um 10:35

Ein Vorab-Auszug aus dem Roman „DER RETTER“ von Hans-Jürgen Trabert   

www.Hans-Juergen-Trabert.de 

 

Nach meinem ersten Selbstmordversuch strande ich in Leer. Stadt und User gefallen mir. Ich bleibe. NL um die Ecke. Dahin fahren wir öfters. Eigenbedarf und mehr decken. Unsere angesagte WG ist gut im Geschäft. Mal ziehen Leute aus, mal ziehen Leute ein. Wir sind immer so vier bis acht Festmieter beiderlei Geschlechts. Langweilig ist es nie. Joints dampfen. Vorzugsweise Gras.

Ist gesünder und nicht wie Shit mit irgendwas gestreckt. Irgendein Idiot präsentiert uns seinen neuen Verkaufshit. Haschisch gestreckt mit Schuhcreme. Wie üblich ist auch bei uns Küche und Bad das Problem. Jegliche Dienstpläne sind gescheitert. Manchmal ist jemand für Tage verschollen, mal ist jemand zu stoned, mal tafelt jemand tagelang Dosenweise kalte Ravioli ausschließlich allein in seinem Zimmer. Mich über die Küche aufregen habe ich mir abgewöhnt. Wie alle anderen auch. Hauptsache wir haben Heizung, Warmwasser und Strom. Ohne Strom kein Led Zeppelin, Sam Gopal, Grand Funk Railroad. Und Aphrodite´s Child „666“. Die psychedelische Offenbarung. Inhalt biblische Apokalypse. „666“ kostet Anna fast ihr Leben. Wir sind auf LSD. Da sieht sie „The leading horse is white“. Jesus. Ich denke an Weihnachten. Anna nicht. Sie reißt das Fenster auf, klettert bereit zum Sprung auf die Fensterbank, sieht Jesus auf dem fliegenden Pferd, will mitreiten und die Endzeit überleben. In letzter Sekunde greifen Jürgen und noch eine Type Annas Beine, zerren sie ins Zimmer, verriegeln das Fenster, heben den Tonarm. Und allesamt schlendern wir zur Eisdiele. Anna weiß nicht wie sie ihre drei Kugelwaffel handeln soll. Ihre Eistüte wächst und wächst gen blauen Himmel. Hallus passieren schon Mal. Ausgang ungewiss. Kollektiv haben wir unsere gewohnte Fressattacke. Entspannt abhängen im Imbiss. Trubi bestellt wie immer Pommes mit Frikadelle und reichlich Senf. Und starrt und starrt seine Frikadelle an. Schreiend flüchtet er aus dem Imbiss. Am Brunnen finden wir ihn. Aus Frikadelle ist Spinne geworden „Ich fresse doch keine zuckende Tarantula.“ Wir biegen uns vor Lachen. Hennes nicht. Fixiert vom Brunnen. Das sprudelnde Wasser verfärbt sich orange. Und gebiert weise Chinesen. Erst ganz friedliche, dann sich gegenseitig blutrünstig beißend. Ich werfe Hennes ne Valium ein. Einfach mit Lambrusco runterspülen. In unserer WG heile angekommen, ist die zwei Liter Flasche Lambrusco leer und wir entspannt runtergefahren. Im Flur stinkt es nach unserem nicht entsorgten Müll. Vergessen. Oh ha, Frank ist ja auch noch da. Zum zweiten Mal auf Heroin blättert er nach wie vor in seinem Mickey Mouse Heft. Welch embryonaler Zustand. Tonarm drauf „Stairway To Heaven“. Welch Sommertag. Tags darauf klingelt es. Anna und ich lassen den fremden Mann mit Baskenmütze rein, der irgendetwas von Jesus labert. Mittlerweile laufen unsere Geschäfte gar nicht gut. Eine paranoide Stimmung würgt aus allen Ecken. Manchmal muss ich mich aus dem Bett zwingen. Zunehmend mit Schwindelattacken und mehr. Küche und Bad endgültig verkommen. Der Mann mit der Baskenmütze klingelt unaufdringlich neuerlich. Sein letzter Besuch ist Tage her. Jetzt bringt er uns Lebensmittel mit. Vor allem Süßigkeiten. Misstrauisch probiere ich ein Menthol Bonbon. Clean. Dann geht das Gelaber über Jesus schon wieder los. Dieses Mal mit seiner aufgeschlagenen Bibel auf unserem vermüllten Tisch. Baskenmann erzählt Schleierhaftes von Weg und Wahrheit und entsorgt unseren Müll. Kurze Zeit später verlieren wir unsere WG. Der Traum ist aus. Mein zweiter Selbstmordversuch. Gleiche Dosis. Neunundsiebzig Schmerztabletten. Dieses Mal Koma und mit Notarzt ins städtische Krankenhaus. Einweisung in nahegelegene Psychiatrie lehne ich ab. Obdachlos führt mich mein Weg zum Baskenmann. Verheiratet, Vater von fünf Kindern, Grundschulkonrektor. Seine Frau Elfriede empfängt mich herzlich. Als hätte sie auf mich gewartet. Ich schildere meine Umstände. „Du kannst bei uns wohnen.“ Nie in meinem Leben habe ich solch warme, ehrliche Herzlichkeit erlebt. Und zum ersten Mal erlebe ich so etwas wie Urvertrauen. Anna, Hennes und Jürgen tauchen auf. Alle bekehrt clean und bibeltreu. Im gemeinsamen Gebet vertraue ich mein Leben Jesus an und erfahre den Retter. Drogis werden Helfer. Aus mir wird eine Krankenschwester, Anna Altenpflegerin, Hennes Streetworker in Hamburg, Jürgen Entwicklungshelfer in Ghana. Und Frank? Statt Mickey Mouse beendet Frank sein Studium und wird Realschullehrer. Kalli wählt den Freitod. Springt von der Autobahnbrücke.

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